Die gefährliche Dynamik der Milchpreise

In den letzten Jahren ist der Milchpreis immer stärker gesunken, sodass v.a. kleine Höfe, die sich die billige Produktion nicht mehr leisten können, aus dem konventionellen Markt gedrängt wurden. Grund sind die Überproduktion, die einen Kampf um den niedrigsten Verkaufspreis bewirkt, und die Marktmacht der großen Molkereien, die die Zwischenhandelspreise diktieren. Die geplanten Existenzsicherungshilfen, Steurentlastungen, Bürgschaften und Schuldentilgungsprogramme sind keine Instrumente, die diesen Preissturz verhindern können, weil sie Bauern finanziell abhängig machen und keinen langfristigen Einfluss auf den Marktpreis haben. Stattdessen sollten Mindestpreise im Zwischenhandel festgelegt werden, die den Bauern ein würdiges Einkommen aus ihren Verkäufen garantieren.

In den letzten zwei Jahren ist der Milchpreis in Deutschland rapide gefallen. Von den 46 Cent, die wir 2016 im Schnitt für einen Liter Milch im Laden bezahlen, erhalten Bauern etwa 33%, während ihr Anteil am Milchpreis 2009 noch 40% betrug. Durch sinkenden Milchpreis und ihren geringeren Anteil an der Wertschöpfungskette geraten die Bauern in Bedrängnis. Einzelhandel, Fiskus und Zwischenhändler hingegen können ihren Anteil an der Wertschöpfungskette zwar ausbauen, profitieren aber unter dem Strich auch nicht, da der Milchpreis schneller verfällt als ihre Anteile wachsen.

Diese Situation, in der alle verlieren und nur der Endverbraucher weniger zahlen muss, ist auf Überproduktion zurückzuführen und auf eine verhängnisvolle Machtkonzentration auf dem Lebensmittelmarkt. Sie ist aber nicht neu, denn der Rohmilchpreis hat derartige Tiefs in den letzten zwei Jahrzehnten öfters durchschritten und sich wieder erholt. Das Problem besteht nicht in diesen Milchpreisschwankungen, sondern darin dass mit jedem Milchpreissturz Monopolisierungsschübe durch den Markt gehen, die das Machtgefüge zugunsten großer Unternehmen verändern:
Die vier großen Molkereien einerseits – DMK, Müller, Arla Foods und Friesland Campina – die 2013 40% des deutschen Milchmarktes untereinander aufgeteilt haben und zusammen mit den 6 nächstgrößeren Unternehmen 58%, stehen in starker Konkurrenz zueinander und haben gleichzeitig die Macht Zwischenhandelspreise zu diktieren. Sie drücken daher die Preise der Bauern, um möglichst billig an Supermärkte weiterverkaufen zu können.

Die Milchbauern andererseits erwirtschaften nur noch ein Einkommen, das nicht mehr ihre Ausgaben deckt. Weitere Preissenkungen verdrängen also v.a. kleinere Betriebe mit geringeren Rücklagen und teurerer Produktion vom Markt. Bauern verlieren ihre Existenzgrundlage und große Milchfabriken setzen sich gegen Familienbetriebe und kollektive Höfe durch, die ihre Produktion aufgegeben und durch größere Unternehmen aufgekauft werden.

Als Reaktion auf das Hofsterben plant die Bundesregierung nun ein Gesetzespaket, das v.a. Existenzsicherungshilfen und Steuerentlastungen in Höhe von etwa 100 Millionen Euro enthalten soll. Es wird den Bauern nicht helfen. Denn wenn es in dem Gesetz keinen Mechanismus gibt, der dafür sorgt, dass die Bauern die Unterstützungsgelder als Plus auf ihrem Konto behalten, werden die Milchproduzenten einen Anreiz haben die Vertragspreise weiter zu senken. Dieses Verhalten konkurrierender Betriebe hat schon Karl Marx als „tendenziellen Fall der Profitrate“ beschrieben (Das Kapital – Dritter Band: Der Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion): Verkäufer derselben Art von Ware (z.B. Milch) stehen auf dem Markt in Konkurrenz zueinander. Gewinne, die sie z.B. durch geringere Arbeits-, Rohstoff- oder Produktionskosten machen, müssen sie lieber früher als später in Preissenkungen umsetzen, sonst tut es die Konkurrenz und hat einen Vorteil bei den Kunden. Das betrifft sowohl Bauern als auch Molkereien. Derzeit gibt es einerseits eine Überproduktion an Milch, die die Bauern unbedingt loswerden wollen. Das bringt sie in eine schlechte Verhandlungsposition gegenüber den Zwischenhändlern und treibt sie in einen Preiskampf untereinander. Erhalten sie nun ein staatliches Plus, wird eine Molkerei die an ihre Vertragsbauern gezahlten Zwischenhandelspreise drücken, um dieses Plus von ihnen abzuschöpfen und selbst ihre Preise zu senken. Dadurch kann sie ihre Milch billiger an die Supermärkte verkaufen und erhält einen Konkurrenzvorteil gegenüber den anderen Molkereien. Diese werden nachziehen, um keinen Nachteil mehr zu haben.

Daher bringt der staatliche Geldtransfer weder Bauern noch Molkereien etwas sondern senkt nur das Wettbewerbspreisniveau. Die Milch im Supermarkt wird noch ein paar Cent billiger, und die Bauern haben immer noch keine Aussicht auf gute Preise. Im Gegenteil kann der Staat jetzt seine Zuzahlung nicht mehr zurückziehen, ohne dass die Bauern weit unter das Existenzminimum fallen. Die Abhängigkeit erhöht sich auf beiden Seiten. Dieser Mechanismus macht auch klar, warum es keine Lösung ist, den Milchüberschuss auf den Weltmarkt zu exportieren. Jeder Weltmarktexporteuer versucht dasselbe, und die Folgen sind die gleichen wie auf den nationalen Märkten.

Ein fester Einzelhandelspreis für Milch als Gegenmaßnahme würde für die Bauern keinen Vorteil bringen: In diesem Fall würden die Zwischenhändler einfach ihre Marktmacht nutzen und durch einen Preissteigerungswettbewerb soviel wie möglich von dem Preis abgreifen. Gerade die Bauern würden nicht profitieren. Ein Minimalpreis für den Zwischenhandel hingegen könnte tatsächlich die Wirkung haben, den Milchbauern ein gutes Leben zu ermöglichen, das sie wie alle anderen verdienen. Konkurrenz auf dem Markt würde sich dann über Qualität ausdrücken, und auf dem Level können kleine Betriebe mithalten.

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